Reportage im Tages Anzeiger

Tages Anzeiger vom Montag, 2. Februar 2026; aufgezeichnet von Fabienne Riklin, Foto von Madeleine Schoder

«Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst»

Tatortreinigerin Denise Gögl beseitigt die Spuren des Todes. Sie rückt an, wenn das Leben grausige Rückstände hinterlassen hat. Ein Einblick in ein Handwerk an der Grenze des Erträglichen.

Denise Gögl steuert ihren blauen Einsatzwagen durch ein ruhiges Zürcher Quartier auf der Suche nach einem Parkplatz. Es ist ein Mittwochabend im Januar. Im Kofferraum lagern neben Lappen, Bürsten und Reinigungspapierrollen hoch dosierte Desinfektionsmittel, Bohrhammer und Dampfsauger.

«Ich mache mich immer auf das Schlimmste gefasst», sagt die 43-Jährige. Sie ist Tatortreinigerin. Zierliche Gestalt, herzliches Lächeln, das hellbraune Haar zum praktischen Pferdeschwanz gebunden.

Nichts an der zweifachen Mutter deutet auf ihren Beruf hin, wären da nicht die schwarze Cargohose, die festen Stiefel und der Badge um ihren Hals: Tatortreinigung Gögl. Vor vier Jahren hat sie ihre Firma gegründet. In der Schweiz gibt es gerade mal ein Dutzend Berufskollegen.

Was Gögl zu erzählen hat, ist teilweise hart an der Grenze des Erträglichen und nichts für empfindliche Gemüter.

 

Meistens sind die Toten bereits weg

«Mich beauftragen Behörden, Angehörige, Vermieter oder Verwaltungen. Mein Aufgabenspektrum reicht von Gewaltverbrechen über Suizide bis hin zu Leichen, die über Wochen unentdeckt blieben. 

Meine Aufgabe ist es, Orte des menschlichen Leids so zu reinigen, damit es nachher wieder unbelastete Lebensräume sind. Meistens sind die Toten bereits weg, wenn ich komme. Das macht es einfacher, aber auch surrealer. Ich sage mir immer: Nur einen Quadratmeter aufs Mal. Und dann den nächsten. Stück für Stück fülle ich die Säcke mit kontaminiertem Material.

Der heutige Auftrag führt mich in eine Dreizimmerwohnung. Eine alleinstehende 68-Jährige starb an Herzversagen. Wie lange sie zwischen Badezimmer und Flur gelegen hatte, ist unklar – die Polizei schätzt einige Tage. Zuerst nehme ich immer einen Augenschein ohne Maske, um das Ausmass zu erfassen.

Später trage ich eine FFP3-oder eine Gasmaske, einen Ganzkörperoverall sowie Handschuhe, Schutzbrille und Schuhüberzieher. Es ist reiner Selbstschutz: Ich weiss nie, welche Krankheiten die Verstorbenen hatten oder ob sich Viren, Bakterien und Pilzsporen bereits in der Luft ausgebreitet haben.

 

Die Verstorbene muss gestürzt sein

In dieser Wohnung ist der stechende Geruch nach Urin und Verwesung sehr heftig. Ich ziehe die Tür rasch hinter mir zu, damit der Gestank nicht ins Treppenhaus kriecht. Der typische, süsslich-metallische Leichengeruch ist hingegen kaum wahrnehmbar – ein Zeichen dafür, dass der Körper nur kurze Zeit in dieser Blutlache war.

Die verstorbene Frau muss gestürzt und vermutlich mit dem Kopf an der Badewanne aufgeschlagen sein. Ich muss das Blut und die organischen Überreste vom Boden entfernen. Der grösste Teil bei diesem Auftrag ist aber die Entrümpelung der Wohnung.

Die Räume zeugen von totaler Überforderung: Kleider, Flaschen, Kartons und Take-away-Schalen stapeln sich. Alle Zimmer sind zugestellt, ein Durchkommen ist fast nicht mehr möglich. Überall schwirren Frucht- und Schmeissfliegen herum, Unmengen von Maden kriechen bereits aus Kühltaschen und Pfannen hervor.

Also ab an die Arbeit. In einem ersten Schritt geht es um Schadensbegrenzung: die Kontamination eindämmen. Den Fundort reinigen und desinfizieren. Auch den Kühlschrank und das Gefrierfach räume ich aus, und ich entsorge die verschimmelten Lebensmittel.

Das getrocknete Blut sowie Haut- und Haarrückstände löse ich mit einem Spachtel ab. Den Rest erledigt ein Fettlöser. Als Flächendesinfektionsmittel verwende ich Wasserstoffperoxid in Kombination mit Silberionen, die antibakteriell und keimtötend wirken. Eine oberflächliche Reinigung allein reicht aber häufig nicht aus. Leichenflüssigkeit und Blut können tief in Böden, Fugen oder Sockelleisten versickern.

Eine enorme Last für die Hinterbliebenen

Ich hatte schon Fälle, da flossen diese Flüssigkeiten unter dem Parkett hindurch und zogen die Tapete hoch. Da hilft nur eines: alles herausreissen, Unterboden und Verputz abtragen. Bleibt der kleinste Rückstand, drückt noch Jahre später der Verwesungsgeruch durch. Deshalb lieber nur einmal, dafür richtig.

Wenn es baulich viel zu tun gibt, arbeite ich mit meinem Geschäftspartner zusammen. Er hat einen Muldenservice und ist spezialisiert auf Abbruch, Demontage und Schadstoffdiagnostik.

In meinem Beruf muss man mit extremen Gerüchen und verstörenden Bildern umgehen können. Ekel empfinde ich so gut wie nie. Fäkalien, Blut oder menschliches Gewebe wie Hirnmasse zu beseitigen, macht mir nichts aus. Einzig Erbrochenes fordert mich ein wenig heraus; mich stört dieser säuerliche Geruch. Aber einen Brechreiz hatte ich deswegen nie.

Ich mag meinen Job, weil ich das Resultat sofort sehe. Das Vorher und das Nachher sind oft kaum wiederzuerkennen. Und ich arbeite für die Lebenden: die Familien der Toten. Es ist ihre Dankbarkeit, die mich erfüllt. Ich nehme ihnen eine enorme Last ab.

Oft bin ich zusammen mit der Polizei und dem Bestatter eine der Ersten am Einsatzort. Während die anderen rasch wieder gehen, bleibe ich. Dabei ergeben sich ab und zu intensive Gespräche mit den Angehörigen. Meist erzählen sie von sich aus, wie der verstorbene Mensch gelebt hat. In diesen Momenten bin ich mehr Seelsorgerin als Tatortreinigerin.

Wenn sich ein junger Mensch das Leben genommen hat, geht mir das sehr nahe. Ich habe auch schon eine Mutter spontan in den Arm genommen. Ich versuche immer, so pietätvoll wie möglich vorzugehen. Deshalb ist mein Einsatzwagen auch nicht beschriftet. Das schützt vor neugierigen Blicken der Nachbarn.

Das Sterben und was danach passiert, hat mich schon immer fasziniert. Was im Körper geschieht, wie er sich zersetzt. Ursprünglich bin ich gelernte Pharmaassistentin, doch der Beruf erfüllte mich nicht mehr. Deshalb absolvierte ich ein Kurzpraktikum bei einem Bestatter und einem Exhumator – das waren unglaublich spannende Tage.

«In meinem Beruf muss man mit extremen Gerüchen und verstörenden Bildern umgehen können.» 

Weil damals meine erste Tochter nur wenige Monate alt war, legte ich den Wunsch beiseite. Doch als die Kinder – heute sind die Mädchen 7 und 10 Jahre alt –grösser wurden, wuchs auch der Mut, meiner Berufung in diese Richtung zu folgen. Mein Vorbild war Corina Dietsch, eine Pionierin der Branche. Von ihr habe ich viel gelernt.

 

Aufträge auch mitten in der Nacht

2021 gründete ich meine Firma. Im gleichen Zeitraum absolvierte ich die notwendigen Ausbildungen. Heute bin ich geprüfte Tatortreinigerin und staatlich geprüfte Desinfektorin und vor allem im Grossraum Zürich und von der Nordostschweiz bis Graubünden unterwegs. Meine Arbeit kann Stunden oder Tage dauern, und ich verrechne sie nach Aufwand. Jeder Fall ist anders, die Reinigungsart und die Kosten auch.

Die Aufträge kommen unregelmässig, oft am Tag, manchmal abends oder mitten in der Nacht. Dann springen mein Partner oder die Grossmütter ein und schauen auf die Kinder. Überhaupt wäre mein Weg ohne meinen Mann nicht möglich gewesen: Er hat mich von Anfang an unterstützt und dazu motiviert.

 Meinen Kindern erzähle ich ganz direkt, dass ich putzen gehe, wenn jemand gestorben ist. Den nötigen Ausgleich zu den mental und körperlich zehrenden Einsätzen finde ich im ganz normalen Familienalltag oder beim Joggen. Da bekomme ich den Kopf wieder frei.

Für heute ist hier das Wesentliche geschafft: Die Blutlache ist weg, der Linoleum ebenfalls. Jetzt desinfiziere ich noch den Bereich, wo der Leichnam gelegen hat. Dann ist der Tod mikrobiologisch verschwunden –genau wie die verschimmelten Lebensmittelreste, die hier verstreut herumlagen.

Die sechs Müllsäcke verpacke ich luftdicht. Sie kommen entweder in die Kehrichtverbrennung oder in den Sondermüll. Nach jedem Einsatz werfe ich auch die Schutzausrüstung weg. Sämtliche Kleidung, die ich getragen habe, wasche ich bei 60 Grad.

Dann gehe ich duschen. So lange, bis ich mich wieder sauber fühle und keinen Kadavergeruch mehr in Nase und Mund rieche. Die Kinder und meinen Partner nehme ich erst wieder richtig in den Arm, wenn der Job körperlich ganz von mir abgewaschen ist.»

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Staatlich geprüfter Desinfektor